Von der Vortragskunst zum Hörbuch
"Der Deutsche liest nicht laut, nicht fürs Ohr, sondern bloß mit den Augen. Er hat seine Ohren dabei ins Schubfach gelegt", spottete einst Friedrich Nietzsche.
Im Laufe der Zeit, haben die Menschen in der westlichen Welt das Gefühl dafür verloren, dass geschriebene und gedruckte Sprache immer nur eine Aufzeichnung der gesprochenen Sprache darstellt und insofern immer nur unvollständig ist. Früheren Schriftstellern war dies sehr wohl bewusst. Goethe erklärte, dass geschriebene Sprache nur ein trauriges Surrogat der gesprochenen Sprache ist. Lessing hat betont, dass seine Werke erst gesprochen ihre Vollständigkeit erhalten.
Ein Vergleich mit einer Notenpartitur soll dies verdeutlichen: Die durch die Takte und Sätze geordneten Noten entsprechen den Sätzen, Absätzen oder Kapiteln in einem Buch. Erst durch die Instrumente eines Orchesters entsteht tatsächlich Musik. Nicht anders ist es mit einem Buch, es wird auch erst durch die Interpretation eines Menschen zu einem Sprachkunstwerk. Gegenüber dem gedruckten Buch bietet das Hörbuch mehr als eine Sammlung von Text gewordenen Ideen. Hier kommt die menschliche Stimme hinzu, die schöpferisch den Text interpretiert.
So unbestreitbar wichtig die Erfindung des Buchdrucks für die Wissenschaft und Literatur war, drängte sie doch zugleich allmählich die mündliche Literaturverbreitung zurück. Wer lesen konnte, las natürlich. Je mehr Menschen lesen konnten, desto häufiger las man allein im stillen Kämmerchen. Noch im 17. Jahrhundert galt es als unhöflich, einen Brief leise zu lesen, wenn eine weitere Person im Raum war. Man las dann selbstverständlich laut.
Vorgelesen wurde bis ins 19. Jahrhundert überall, zu jeder Zeit und mir großem Vergnügen, sehr wahrscheinlich auch mit großem Können. Mit der allgemeinen Schulbildung und der damit verbundenen Schreib- und Lesefähigkeit wurde Vorlesen und Zuhören aber nicht mehr als sinnliches Vergnügen begriffen. Es galt nunmehr als notwendige Hilfestellung für diejenigen, die nicht lesen konnten und erfuhr damit eine soziale Abwertung.
Erst die Erfindung der Tonspeichermedien führte wieder zu einer Belebung der Sprechkunst. Der erste Tonträger war die Schallplatte. Sie hatte allerdings den Nachteil, dass die Tonwiedergabe anfangs sehr schlecht und die Aufnahmelänge sehr kurz war. Dies wurde bei Musikbeiträgen offenbar stärker toleriert, als bei Wortaufnahmen. Später trug die Schallplatte auch zur Verbreitung von Wortkunstwerken und Dokumentationen bei. Berühmte Schauspieler trugen Gedichte vor, kleine Prosa oder Monologe aus Theaterstücken.
Mit der Erfindung des Tonbandgeräts konnten mehrere Stunden aufgenommen werden. Außerdem bot es die Möglichkeit, dass nun bald jedermann Tonaufnahmen machen konnte. Wichtig für die Wiederbelebung der Rezitation war auch der Rundfunk. Es entstand die neue Gattung des Hörspiels und der Funknovelle. Die zunehmende Verbreitung des Radios und des Fernsehens mit Beginn der 50er Jahre drängte die Sprechplatte aber schnell ins Abseits. Vertonte Texte kamen aus der Mode und führten 50 Jahre ein Nischendasein.
Mittlerweile entstanden Blindenhörbüchereien, die das Tonband für Literaturlesungen nutzen. So wurde die Lesung wiederentdeckt, allerdings wurde sie nur als Hilfsmittel verstanden, für diejenigen, die Gedrucktes nicht lesen konnten. Für die Sehenden waren diese Aufzeichnungen nicht zugänglich.
Erst die Erfindung des Kassettenrecorders und des Walkman schuf die Grundlage für die Weiterverbreitung von Hörbüchern, da man nun über ein leicht transportables Abspielgerät und über einen preiswerten Tonträger mit ausreichender Speicherkapazität verfügte. Heute sind die MP3-Player mit noch größerer Speicherkapazität das adäquate Speichermedium für das Hörbuch.
Hörbücher stehen heutzutage wieder hoch im Kurs. Dazu trägt auch bei, dass sich die Menschen von Reizen überflutet fühlen, ihre Augen vom Computer ermüdet sind und sie keine Ruhe zum Lesen haben. Ein Hörbuch entspannt dagegen beim Bügeln, Putzen, langen Auto- oder Bahnfahrten oder in der Badewanne.







